Drucken
Philipp Lepenies: Die Macht der einen Zahl. Eine politische Geschichte des Bruttoinlandsprodukts, Berlin 2013.

Das "Geistesgeschichtlichste" der hier vorgestellten Bücher. Lepenies erzählt in einzelnen Kapiteln die Geschichten der Männer hinter dem BIP, Simon Kuznets in den USA und Colin Clark in GB -- Geschichten von anfänglicher Randständigkeit und letztlicher Frustration, weil ihre "Erfindung" letztlich eine völlig andere Richtung nahm als von ihnen (wiederum durchaus sehr unterschiedlich) angedacht. Für Kuznets war das BIP* zuallererst Analyseinstrument, und spätestens nach 1945 hätte er sich eine grundlegende Verständigung darüber gewünscht, was denn nun eigentlich die (neuen) Ziele einer Wirtschaftspolitik sein sollten, und was das BIP* dementsprechend messen sollte (außer mehr desselben) -- und Kuznets gehörte bis in die 1950er zu den vehementesten KritikerInnen des universalistisch-buchhalterischen Paradigmas, das eine "westlich dominierte" Vorstellung & Politik wirtschaftlicher Modernisierung in alle Ecken und Enden der Welt tragen sollte. Für Clark war die Abwendung von der Einkommens- hin zur Produktionsseite - durch die Verknüpfung mit Kriegswirtschaft & keynesianischer Makroökonomik - der Punkt, an dem die Geschichte zunehmend uninteressant für ihn wurde -- nach seiner Auswanderung nach Australien forschte und publizierte er kurioserweise vorwiegend zur Subsistenzlandwirtschaft (von einigen als sein wichtigerer wissenschaftlicher Beitrag gewertet). Solche und andere kuriose bis erhellende Details liefert Lepenies zur Genüge -- der Plot legt es aber darauf an: Zum Beispiel, wenn er William Pettys durchaus eigennützige und machtpolitische Motive bei seinen historischen "Vorarbeiten" zum BIP* (und zur Arbeitswertlehre) seziert und Parallelen v.a. bei Clark (einem erklärten "Petty-Fan") findet; oder wenn er ergänzend zur verbreitet gewürdigten kriegswichtigen Bedeutung des BIP* das völlige Fehlen eines vergleichbaren Instrumentariums in Nazi-Deutschland in denBlick rückt; oder schließlich, wenn er von der Bedeutung einer auf maximales Wachstum programmierten BIP*-Politik im "Kalten Krieg", einschließlich Spionage und Gegen-Propaganda erzählt. Eine runde, hoch interessante & zuweilen sogar erheiternde Geschichte von der "Macht der einen Zahl", die einen aber ohne weiter Lektüre etwas ratlos zurücklässt.
Link zur Verlagsseite
Kategorie: Literatur zur Wertrechnung
Zugriffe: 2386