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Der Genuine Progresss Indicator (GPI) wurde 1995 von der NGO Redefining Progress auf Basis des ISEW - Index of Sustainable Economic Welfare adaptiert. Die beiden sind konzeptuell identisch (vgl. [3] : 11), in der Praxis war der GPI im Vergleich zu seinem (mittlerweile) europäischen Zwilling bislang erfolgreicher.

 

Selbstverständnis & Motivation

Der GPI soll die Defizite des BIP weitgehend korrigieren, indem der Nutzen nicht-marktlicher ökonomischer Aktivitäten hinzu- & die Kosten marktlicher ökonomischer Aktivitäten, einschließlich sozialer Ungleichheit und nicht-nachhaltiger Konsummuster herausgerechnet werden.

 

Methodik

Es handelt sich beim GPI um ein korrigiertes BIP: Ausgangspunkt sind die privaten Konsumausgaben, korrigiert um Verteilungsfragen, den Nutzen nicht-marktlicher Produktion und die externen Kosten ökonomischer Wertschöpfung bzw. die Abnutzung bzw. Zerstörung "natürlichen Kapitals" -- die Komponenten im Einzelnen:

1. Schätzungen privater Konsumausgaben, gewichtet mit einem Index der ungleichen Einkommensverteilung. Damit rückt der private Endkonsum ins Zentrum, berücksichtigt werden auch soziale Kosten der Ungleichheit, darunter der abnehmende Grenznutzen für Reiche.

2. Schätzung des Nutzens von unbezahlter Arbeit durch Freiwillige, Hausleute, Eltern & durch Nutzung von Haushaltskapital und öffentlicher Infrastruktur. Damit wird die Verzerrung des BIP durch die Ignoranz gegenüber unbezahlter Arbeit korrigiert.

3. Abschreibungen von rein defensiven Ausgaben, z. B. in Verbindung mit Umweltverschmutzung, Verkehrsunfällen, Verlust an Freizeit, aber auch durch die Abnutzung bzw. Zerstörung von natürlichem Kapital. Von der Systematik ist der GPI identisch mit dem ISEW - Index of Sustainable Economic Welfare -- allerdings unterscheidet er sich (v. a. seit einer Aktualisierung 2006) hinsichtlich einzelner Kalkulationen, bspw. zur Bewertung eines steigenden Bildungsniveaus, wie auch der US-spezifischen Datenquellen.

 

Aussagekraft

Der GPI versucht, durch seine Konzeption und die verwendeten Datenquellen möglichst alle sozialen und ökologischen Nebenfolgen wirtschaftlicher Entwicklung in Rechnung zu stellen: globale Erwärmung, wachsende soziale Ungleichheit, Versiegelung und Erosion von Agrarland, Abholzung, wachsende individuelle Mobilität (Luft, Lärm, Unfälle), Schuldendienst und Kriegsausgaben. Positiv verbucht werden andererseits das steigende Bildungsniveau und der wachsende Anteil der Freiwilligenarbeit. Zeitreihen mit Trends seit 1950 (für die USA) zeigen, dass trotz dramatischen Anstiegs des BIP der GPI seit den späten 1970ern stagniert, d. h. seit diesem Zeitpunkt "the benefits of economic growth have been entirely offset by rising inequality, deteriorating environmental conditions, and a decline in the quality of our lives." ([1] : 2, 5, vgl. auch [4] & [5])

 

Praxis

Am Rio+20-Gipfel 2012 startete des CSE -- Center for Sustainable Economy ein "International Program on Genuine Progress Accounts (IPGPA)", um Regierungen auf allen Ebenen ein Instrument zur Fortschrittsmessung an die Hand zu geben. Gerade auf regionaler oder lokaler Ebene sollte sich ein solcher Index bewähren, denn "local government leadership will be the key driver of change." ([1] : 5) Seit 2012 verwendet der US-Bundesstaat Maryland den GPI als zentrale Kennzahl für seine ökonomische Performance und als Basis für legislative und budgetäre Entscheidungen -- wie mittlerweile auch die Bundesstaaten Oregon, Vermont & Washington State.

 

Plus/Minus (großteils identisch mit ISEW)

+

-

 

Quellen

[1] Factsheet "Genuine Progress Indicator" >> ONLINE-DOKUMENT

[2] http://www.rprogress.org

[3] Stiglitz et al. 2009

[4] Fioramonti 2015

[5] Kubiszewski et al. 2013

Kategorie: BIP. Kritik & Alternativen
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