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Die Solidarische Ökonomie ist eine weltweite Bewegung, die sich in den vergangenen Jahrzehnten als Antwort auf prekäre Arbeits- und Lebenssituationen an mehreren Orten zumeist unabhängig voneinander entwickelt hat. Die vielfältigen Projekte und Initiativen vereint jedoch die Suche nach konkreten Lebens- und Wirtschaftsweisen, die alternativ zum kapitalorientierten Wirtschaftssystem praktiziert werden können. Der Mensch und seine Bedürfnisse stehen dabei im Mittelpunkt, nicht der Profit. Das Ziel ist, Ansätze zu entwickeln, die die Lebensverhältnisse der Menschen verbessern.

Die solidarökonomische Bewegung geht davon aus, dass die gegenwärtigen Krisen ihren Ausgangspunkt im Kapitalismus haben. Oftmals waren es wirtschaftliche Notlagen, die zu vermehrter Entstehung von alternativökonomischen Projekten und Initiativen führten. Engagierte Menschen, die nicht länger an Lösungen von Markt oder Staat glauben, schließen sich zusammen und organisieren bzw. bestimmen letztendlich selbst über die Produktion und Verwendung der fehlenden Produkte und Dienstleistungen. (Exner; Kratzwald 2012: 7) Wie die Praxis zeigt, sind bei der Umsetzung keine Grenzen gesetzt. In nahezu allen Lebensbereichen finden sich Initiativen und Unternehmen wieder. Angefangen von der Herstellung und Vermarktung von Lebensmitteln über Mobilitäts- und Wohnprojekte bis zu Initiativen zur Bereitstellung von Wasser und Energie oder Finanzdienstleistungen beinhaltet die Bewegung des Weiteren auch alternative Bildungseinrichtungen, Projekte, die sich für den offenen Zugang zu Wissen einsetzen, sowie Initiativen zur Frauenförderung oder für ein Grundeinkommen, um nur einige zu nennen.1 Die Solidarische Ökonomie ist demzufolge als ein Sammelbegriff für eine große Vielfalt an selbstbestimmten, alternativen Formen des Wirtschaftens zu verstehen.

Die theoretischen Wurzeln der Solidarischen Ökonomie reichen bis zum Frühsozialismus des 18./19. Jahrhunderts und zur daraus entstandenen Genossenschaftsbewegung zurück. Die Bewegung hat sich bislang aber auf keine eindeutige Definition von Solidarischer Ökonomie geeinigt. Während einige VertreterInnen (z.B. Embshoff; Giegold 2008: 14) für eine möglichst offene Begriffsbestimmung plädieren, um neue Gründungswellen nicht zu dämpfen, werden auf der anderen Seite folgende Argumente für eine möglichst verbindliche Beschreibung vorgelegt. So schützt eine exakte Abgrenzung vor Vereinnahmungsversuchen anderer Bewegungen bzw. politischer und wirtschaftlicher Führungsschichten. Zudem kann dadurch Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Bewegung über die Zugehörigkeit von Konzepten, Ansätzen und Projekten besser begegnet werden. (Exner; Kratzwald 2012: 9)

Dennoch existieren zumindest fünf Charakteristika, an denen sich die AkteurInnen in ihrem Handeln orientieren. Diese sind Gemeinnützigkeit, Kooperation, Solidarität, Demokratie und Nachhaltigkeit.

(1) Gemeinnützigkeit: In der Solidarischen Ökonomie wird ein bedarfsorientiertes Wirtschaften vollzogen, das heißt, das vordergründige Handlungsmotiv sind die unerfüllten Bedürfnisse der Menschen. Das schließt jedoch nicht aus, dass die Projekte oder Betriebe auch Gewinn erwirtschaften. Im Sinne des Prinzips der Gemeinnützigkeit dient dieser nur als Mittel, um die intendierten Ziele zu erreichen, jedoch nicht der privaten Aneignung.

(2) Kooperation: Anstelle der Konkurrenz rückt die Solidarische Ökonomie die Kooperation, als Koordinationsform des wirtschaftlichen Handelns, ins Zentrum. Damit ist eine der Mainstream-Ökonomie entgegengesetzte Vorstellung über das menschliche Verhalten in der Wirtschaft verbunden. Die Menschen werden nicht länger als nur eigennützige Wesen angesehen, sondern auch ihre Fähigkeit zur Kooperation innerhalb der Initiativen, aber auch mit ihren MitbürgerInnen und der natürlichen Umwelt wird anerkannt.

(3) Solidarität: In enger Verbindung mit der Kooperation steht das Prinzip der Solidarität. Dieses wird sowohl innerhalb der Initiativen als auch mit dem Umfeld gelebt. Intern wird Solidarität beispielsweise durch das Bestreben nach einer gleichmäßigeren Einkommensverteilung signalisiert. Nach außen hin spiegelt sie sich durch Aktivitäten wider, die zum Wohle der Gemeinschaft geschehen. Das kann sich unter anderem darin ausdrücken, dass Teile des Gewinns für (regionale) Projekte mit kulturellen, ökologischen, politischen oder sozialen Zielsetzungen verwendet werden. (Auinger 2009: 6f)

(4) Demokratie: Die Bewegung zeichnet sich durch Bestrebungen nach einer Demokratisierung der Wirtschaft aus. So werden einerseits Rahmenbedingungen gefordert, welche Partizipation und Mitsprache aller Menschen an ökonomischen Prozessen ermöglicht, andererseits werden in den Initiativen selbst demokratische Entscheidungs- und Eigentumsstrukturen gelebt. In den Initiativen werden Beschlüsse in der Regel nach dem Grundsatz „pro Kopf eine Stimme“ gefasst. Außerdem verwalten die AkteurInnen ihre Produktionsmittel selbst, wodurch es zu einer Vereinigung von Kapital und Arbeit kommt. (Auinger 2009: 6)

(5) Nachhaltigkeit: Die solidarökonomische Bewegung beschäftigt sich schließlich auch mit der Frage nach einem Leben, das die sozialen und natürlichen Grenzen der Tragfähigkeit der Erde achtet. Sie strebt nach der Gestaltung von Verhältnissen, wo Menschen nicht zum Nachteil ihrer Mitmenschen leben und sich ihrer Lebensgrundlage berauben. (Elsen 2007: 142)

Was in vielen Fällen als Selbsthilfe zur Beseitung von Missständen begann, strebt nun oftmals nach Emanzipation von den herrschenden Machtverhältnissen. Die AkteurInnen der Solidarischen Ökonomie engagieren sich vielfach für eine Befreiung aus wirtschaftlichen, politischen und sozialen Dependenzen und vor allem, zeigen sie mit ihren Projekten konstruktive Alternativen zu der gängigen Wirtschaftsweise auf. (Hafner 2009: 44)


1 Die Publikation von Friederike Habermann „Halbinseln gegen den Strom. Anders leben und wirtschaften im Alltag“ (2009) bietet eine umfangreiche Auswahl von Praxisbeispielen in den genannten Bereichen.



Literatur

Auinger, Markus (2009): Introduction: Solidarity Economy – emancipatory social change or self-help? In: Mattersburger Kreis für Entwicklungspolitik an den österreichischen Universitäten (Hg.): Solidarische Ökonomie zwischen Markt und Staat. Gesellschaftsveränderung oder Selbsthilfe? Wien: Mandelbaum-Verl. (XXV).
Elsen, Susanne (2007): Die Ökonomie des Gemeinwesens. Sozialpolitik und soziale Arbeit im Kontext von gesellschaftlicher Wertschöpfung und -verteilung. Univ., Habil.-Schr. u. d. T.: Elsen, Susanne: Die soziale Ökonomie des Gemeinwesens--Dresden, 2006. Weinheim: Juventa-Verl. (Übergangs- und Bewältigungsforschung).
Embshoff, Dagmar; Giegold, Sven (2008): Solidarische Ökonomie im globalisierten Kapitalismus. In: Sven Giegold (Hg.): Solidarische Ökonomie im globalisierten Kapitalismus. In Kooperation mit der "Bewegungsakademie" und der "tageszeitung". Hamburg: VSA-Verl.
Exner, Andreas; Kratzwald, Brigitte (2012): Solidarische Ökonomie und Commons. INTRO. Eine Einführung. Wien: Mandelbaum-Verl.
Habermann, Friederike (2009): Halbinseln gegen den Strom. Anders leben und wirtschaften im Alltag. Königstein, Taunus: Ulrike Helmer Verl. (Konzepte / Materialien der Stiftung Fraueninitiative, 6)
Hafner, Astrid (2009): Genossenschaftliche Realität im baskischen Mondragón. In: Mattersburger Kreis für Entwicklungspolitik an österreichischen Universitäten (Hg.): Solidarische Ökonomie zwischen Markt und Staat. Gesellschaftsveränderung oder Selbsthilfe? Wien: Mandelbaum-Verl. (XXV).

weiterführende Literatur

Silvia Miranda Aguirre: Konzepte und Rahmenbedingungen der Solidarischen Ökonomie in Österreich [eine der im Rahmen der SBWL Wirtschaftsethik & CSR entstandenen Abschlussarbeiten]

Kategorie: Utopedia
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