Drucken
SonnenZeit Logo
Die Initiative "SonnenZeit - Wirtschaft für ein gutes Leben" kombiniert eine regionale Produzenten-Verbraucher-Gemeinschaft mit einer Regionalwährung und einem ausgabenbezogenen Grundeinkommen. Es handelt sich um ein innovatives Modell eines regionalen Wirtschaftskreislaufs, das geeignet ist a) Bedürfnisse regional zu befriedigen, b) regionale Wertschöpfungsketten zu stärken und zu schließen, c) durch regionale Geldschöpfung und ein ausgabenbezogenes Grundeinkommen ein "gutes Leben" zu ermöglichen und d) solidarische und partizipative Interaktionsformen und damit regionale Verantwortung zu fördern. Darüber hinaus ist es ein interessantes Modell für Gemeinden, um wichtige und wünschbare Investitionen über einen zweiten Geldkreislauf zu finanzieren.  

Ausgangslage, Entwicklung und aktueller Stand

Der Volkswirt Dr. Gerhard Zwingler, der Hauptinitiator von SonnenZeit – Wirtschaft für ein gutes Leben gründete 2005 den Verein NETs.werk – Nachhaltig leben und begann 2006 in Steyr ein Anbieter-Verbraucher-Netzwerk von regionalen, biologischen und fair bezahlten Produkten zu organisieren.[1] Derzeit gibt es über 19 Netzwerk-Regionalstellen, vom Raum Steyr bis Linz sowie Wien, Niederösterreich und Salzburg.[3] Über 318 Mitglieder sind beteiligt, davon 54 Unternehmen und 264 Privatpersonen. Aufbauend auf diesem Anbieter-Verbraucher-Netzwerk wurde 2013 die Regionalwährung SonnenZeit eingeführt.
SonnenZeit – Wirtschaft für ein gutes Leben ist ein Wirtschaftsmodell, das die Lebensqualität der Menschen fördern soll.[1] Dabei steht die Abkürzung SONNE für eine Soziale, Oekologische, Natürliche und Nachhaltige Entwicklung. Mit SonnenZeit – Wirtschaft für ein gutes Leben soll ein System aufgebaut werden, das die Bildung starker regionaler Gemeinschaften ermöglicht und eine gegenseitige Grundversorgung gewährleistet. Zur Umsetzung dienen verschiedene, miteinander verzahnte Instrumente, wie ein Online-Marktplatz, ein ausgabenbezogenes Grundeinkommen, eine Güter- und Dienstleistungsbewertung nach hohen sozialen und ökologischen Maßstäben, und ein Nachhaltigkeitsausgleich, der den Kaufpreis entsprechend der Berücksichtigung sozialer und ökologischer Kriterien anpasst.[2] Zur Verrechnung der gehandelten Güter und Dienstleistungen wird die eigene Komplementärwährung (SonnenZeit) verwendet. So soll insgesamt ein nachhaltiges und lebensdienliches Wirtschaftssystem entstehen, das die gegenwärtigen menschlichen Bedürfnisse befriedigt, ohne dabei zu riskieren, dass künftige Generationen ihre Bedürfnisse nicht befriedigen können.[1] Das Modell SonnenZeit – Wirtschaft für ein gutes Leben beinhaltet dabei vier Kernelemente:

1. Einbindung regionaler Akteure

Das Modell von SonnenZeit – Wirtschaft für ein gutes Leben beruht auf der Einbindung regionaler Akteure. Dieses Modell ist umso effizienter und erfolgreicher, je mehr Mitglieder sich an dem Aufbau des virtuellen Marktplatzes beteiligen. Die Gemeinschaft von SonnenZeit – Wirtschaft für ein gutes Leben ist offen für Privatpersonen, Betriebe, Institutionen und Gemeinden. Für Privatpersonen und Unternehmen gelten folgende Teilnahmebedingungen:[4]
Privatpersonen: Jeder Neuzugang (ab 14 Jahre) erhält über eine Registrierung auf der Homepage ein SonnenZeit-Konto. Dafür ist ein Förder-Betrag zu entrichten, der nach eigenem Ermessen festzulegen ist (Richtwert liegt bei 30 EUR). Um das Konto aufrechtzuerhalten, ist ein jährlicher Beitrag bis spätestens März zu leisten. Das eingezahlte Geld wird vom Verein Nets.werk – Nachhaltig leben verwaltet und für die Organisation, Verbesserung und Verbreitung von SonnenZeit verwendet. Nach Einzahlung erhält jedes Mitglied ein Startguthaben von 80 SonnenStunden, ein eigenes SonnenZeit-Konto und Zugang zum virtuellen Marktplatz.[5] Bemerkenswert ist darüber hinaus, dass jedes Mitglied ein ausgabenbezogenes Grundeinkommen in der Regio-Währung SonnenZeit erhält. Jedem Teilnehmer stehen damit 80 SonnenStunden (entspricht 800 Euro) zur freien Verfügung.
Unternehmen: Die Anmeldung erfolgt wie bei einem Privatkonto über die Homepage. Ein Teil der gehandelten Waren und Dienstleistungen müssen in SonnenZeit angeboten werden und im Hinblick auf die Produkt-Nachhaltigkeit für den Kunden gekennzeichnet werden (Einführung der Kennzeichnung voraussichtlich Ende 2017). Unternehmen sind ebenfalls berechtigt, Produkte und Dienstleistungen auf dem virtuellen Markt nachzufragen. Im Gegensatz zu einer Privatperson erhalten Unternehmen kein Startguthaben und kein ausgabenbezogenes Grundeinkommen. Dafür dürfen sie ihr SonnenZeit-Konto mit maximal 100 SonnenStunden überziehen. Der Umrechnungsfaktor ist 1:10 (SonnenStunde:Euro).[4]
Für regionale Unternehmen ist das Modell insofern interessant, als sie einem möglichen Öko- oder Sozialdumping-Wettbewerb aus dem Weg gehen können. Ein Beispiel: Ein regionales Unternehmen hat die Auswahl zwischen mehreren Zulieferern. Einige dieser Zulieferer kommen beispielsweise aus China und ein anderes Unternehmen stammt aus der Steiermark. Das regionale Unternehmen könnte seine Euroquote so herabsetzen, dass es mit der Konkurrenz aus China mithalten kann, den Rest lässt sich die/der MitbewerberIn aus der Steiermark in SonnenZeit auszahlen. Dadurch wird das Weitentfernte durch das Regionale ersetzt, sodass globale Beziehungsstrukturen wieder regionalisiert werden. Damit kann überall dort, wo Euros fehlen, die Zeitwährung als Ausgleich dienen.
Regionalverantwortliche kümmern sich um die Organisation von regionalen Treffen, Bewusstseinsbildungsmaßnahmen (z.B. Workshops, Veranstaltungen, Vorträge, etc.) oder den Aufbau von regionalen Kooperationen. Der Arbeitskreis Regionalentwicklung steht den Regionalverantwortlichen bei allen Fragen zur Regionalentwicklung unterstützend zur Seite.[6]

2. Das ausgabenbezogene Grundeinkommen

Jedes angemeldete private Mitglied erhält ein ausgabenbezogenes Grundeinkommen. Das bedeutet, dass jeden Monatsanfang so viele SonnenStunden dem Konto gutgeschrieben werden, wie im Vormonat für reale Produkte und Dienstleistungen ausgegeben wurde. Allerdings nicht unbegrenzt, sondern in einer maximalen Höhe von 80 SonnenStunden pro Monat.[7] Ein höherer Kontostand als 80 SonnenStunden (800 Euro) kann dadurch erzielt werden, dass auch Private Dienstleistungen oder Produkte anbieten.

3. Die Währung

Bei der SonnenZeit handelt es sich um eine vertrauensgedeckte Komplementärwährung. Sie ist nicht gegen Euro konvertierbar.[8] Im Gegensatz zum gegenwärtigen Geldsystem, das ein Schuldgeldsystem darstellt, ist SonnenZeit eine reine Leistungsbestätigungs- und Dankeswährung mit ausgabenbezogenem Grundeinkommen und einer freien Geldschöpfung. Das bedeutet, dass nach Bedarf Geld geschöpft werden kann. Im Mittelpunkt steht die Förderung regionaler Produktion und regionalen Konsums. Darüber hinaus handelt es sich bei der SonnenZeit um eine zeitbasierte Währung, die deshalb auch Zeitbank genannt wird. Eine derartige Komplementärwährung hat den Vorteil, dass sie eingeführt werden kann, ohne dass große Veränderungen in wirtschaftlichen Infrastrukturen vorgenommen werden müssen. Damit kann SonnenZeit als Komplementärwährung parallel zum bestehenden System neben dem Euro wachsen.

4. Der Nachhaltigkeitskompass

Teilnehmende Unternehmen sind dazu verpflichtet, ihre Produkte und Dienstleistungen mit einem Nachhaltigkeitswert (von -3 bis +3) für KonsumentInnen zu kennzeichnen. Je nachdem wie nachhaltig ein/e AnbieterIn auf dem Marktplatz agiert, ist ein gewisser Betrag zu verrichten, der in einen sogenannten Ausgleichfond der jeweiligen Gemeinde fließt und zur Förderung des Gemeinwohls verwendet wird.[9 : 1]
Die Kennzeichnung erfolgt nach dem folgenden Schema:


Quelle: Unternehmer-Handbuch – Für eine Wirtschaft, die den Menschen dient in Harmonie mit der Natur [10,8]

Beispielsweise werden bei einem Nachhaltigkeitswert von +1 auf den Nettoeinkaufspreis 10 Prozent in SonnenStunden als Nachhaltigkeitsausgleich aufgeschlagen. Die 10 Prozent fließen in den Ausgleichsfond. Bei einer Bewertung von -2, muss der Ausgleich in Euros entrichtet werden. Das bedeutet, dass 30 Prozent auf den Nettoeinkaufspreis in Euros als Nachhaltigkeitsausgleich aufgeschlagen werden müssen. Damit schlägt sich der Nachhaltigkeitsausgleich sofort auf den Kaufpreis der Produkte und Dienstleistungen nieder. Neben dem Nachhaltigkeitswert wird eine Kennzeichnung in drei Farbklassen vorgenommen (grün, gelb, rot). Während ‚Grün‘ aufbauend/fördernd bedeutet, drückt ‚Rot‘ abbauend/zerstörend aus.

Positiver Beitrag zur regionalen Resilienz

Dr. Gerhard Zwingler hat sich seit seiner Promotion zu nachhaltiger Gemeindeentwicklung intensiv mit lebensdienlichen Wirtschaftsmodellen beschäftigt. Daraus ist das Gründungskonzept von SonnenZeit – Wirtschaft für ein gutes Leben entstanden. Mit diesem soll eine Modellökonomie in Form eines Netzwerkes aufgebaut werden. Das Fundament bildet ein regionales und nachhaltiges Versorgungsnetzwerk mit allem Lebensnotwendigen (in erster Linie Lebensmittel). Darauf aufbauend soll die Komplementärwährung SonnenZeit schrittweise das derzeitige Schuldgeld ergänzen. Laut Dr. Gerhard Zwingler beinhaltet das derzeitige Schuldgeldsystem zwei wesentliche Systemfehler: Der erste Systemfehler sei, dass das Geld oft dort fehlt, wo es eigentlich dringend benötigt wird. Das derzeitige Geld (wie der Euro oder der Dollar) schöpft Geld über Kredite aus dem Nichts und ohne Deckung (durch beispielsweise Gold oder Silber). Es ist damit von vorneherein Schuldgeld, da bei der Kreditvergabe Zinszahlungen impliziert sind. Diese Zinsen zwingen zu einem exponentiellen Wachstum, denn durch den Zinseszins wird die Gesamtverschuldung erhöht, ihre Bedienbarkeit kann aber nur über die wachsende Realwirtschaft erreicht werden. Da es zudem möglich ist, Geld kaufen und verkaufen zu können, können sich Geldwerte von Währungen rein durch Spekulationsgeschäfte ändern. So ist beispielsweise der Wert einer Arbeitsstunde von dem Spekulationswert der jeweiligen Währung abhängig. Damit wird Geld zu einer Ware, die frei gehandelt werden kann, was zu Wertinstabilität und inhärenter gesellschaftlicher Ungleichheit führt.[11] Der zweite Systemfehler liegt darin, dass Preise häufig zu Entscheidungen führen, die schädliche Auswirkungen auf den Menschen und die Natur haben können. Da negative Folgen auf das Gemeinwohl, auf die Lebensqualität von Menschen und auf die Bewahrung der natürlichen Lebensgrundlagen bei der Preisbildung von Gütern und Dienstleistungen keine Rolle spielen, werden falsche Anreize für Konsumentscheidungen geschaffen. Diese zwei Systemfehler – Geld als Ware und falsche Anreize für Kaufentscheidungen – sollen durch die Einführung einer Komplementärwährung wie SonnenZeit verhindert werden.[12]

Versorgungssicherheit - Re-Regionalisierung der Wirtschaft

Zunächst sorgt der Aufbau einer ErzeugerInnen-VerbraucherInnen-Gemeinschaft (durch den Verein NETs.werk) dafür, dass ein regionales, nachhaltiges Versorgungsnetzwerk entsteht. Nahräumige Versorgungsstrukturen erleichtern die Reduzierung von Fremdabhängigkeiten. Durch die Einführung einer Komplementärwährung auf Basis regionaler Netzwerke werden regionale Kreisläufe gestärkt, die regionale Gemeinschaftsbildung gefördert und damit das solidarische Miteinander in den Fokus des Wirtschaftens gerückt. Zusätzlich bindet die Komplementärwährung die Kaufkraft an die Region, da sie nur dort ausgegeben werden kann.
Der Nachhaltigkeitskompass ermöglicht zudem eine nachhaltigkeitsorientierte Preisbildung und trägt zu einer transparenten Wertschöpfung bei. Die auf dem Marktplatz gehandelten Produkte und Dienstleistungen werden einer Nachhaltigkeitsbewertung unterzogen, welche die MarktteilnehmerInnen darüber informiert, wie schädigend bzw. lebensdienlich das jeweilige Angebot ist. Mit Hilfe eines Umfragetools werden beteiligte Unternehmen und ihre Zulieferer bezüglich der sozialen und ökologischen Qualität ihrer Güter bzw. Dienstleistungen befragt. Die erhobenen Daten fließen in eine Gesamtbewertung und werden den Mitgliedern von SonnenZeit – Wirtschaft für ein gutes Leben zur Verfügung gestellt. Damit werden ökologische und soziale Auswirkungen eines Kaufs direkt im Produktpreis für alle MarktteilnehmerInnen sichtbar. Wenn sich nun teilnehmende Unternehmen weniger nachhaltig verhalten, wirkt sich das entsprechend negativ auf den Nachhaltigkeitswert aus. Lebensförderliche Waren und Dienstleistungen werden, im Gegensatz zu schädigenden, günstiger. So erhalten Unternehmen einen Anreiz, sich in eine nachhaltige Richtung zu entwickeln, weil sich ihre Produkte bzw. Dienstleistungen sonst durch den Nachhaltigkeitsausgleich verteuern. Gleichzeitig macht der negative Nachhaltigkeitswert und der hohe Preis das Produkt oder die Dienstleistung für VerbraucherInnen unattraktiv. Folglich wird ein lebensförderliches und verantwortliches Handeln lukrativer, als auf Kosten anderer oder der Umwelt zu wirtschaften.[2]
Demnach trägt SonnenZeit – Wirtschaft für ein gutes Leben mit dem Aufbau einer regionalen Versorgungsstruktur aktiv dazu bei, dass eine regionale Versorgung mit Lebensnotwendigem sichergestellt wird. Gleichzeitig bewirkt der Nachhaltigkeitskompass mit seiner transparenten Nachhaltigkeitsbewertung, dass ökologische Folgeschäden reduziert werden.
Subsidiarität und Subsistenz – Aufdeckung lebensdienlicher Tätigkeitsfelder und Nutzung regionaler Potenziale
Das Modell geht davon aus, dass eine zentrale Ressource immer lokal vorhanden ist: „Diese Ressource sind die Menschen: ihre Arbeitskraft, ihre Energie, ihre Zeit.“[13 : 322] Der Online-Marktplatz bietet eine Plattform, die es ermöglicht, auch nicht gewerbliche Produkte und Dienstleistungen anzubieten. Dies fördert insgesamt eine regionale und urbane Subsistenz. So können teilnehmende Privatpersonen ihre eigenen Fertigkeiten stärker einbringen und durch andere TeilnehmerInnen eine direkte Wertschätzung erfahren. Das erhöht die Selbstwirksamkeitserfahrung der Mitglieder, die sich so leichter als ein Teil einer Gemeinschaft erleben können. Zusätzlich erleichtert der Online-Marktplatz die Koordination für die gemeinsame Nutzbarmachung von Gebrauchsgütern (wie beispielsweise Werkzeuge, Rasenmäher etc.). SonnenZeit – Wirtschaft für ein gutes Leben verbindet damit einzelne Menschen einer Gemeinschaft „direkt miteinander, die sonst gar nicht wüssten, welche Bedürfnisse bestehen und welche Fähigkeiten jeder anzubieten hat.“[13 : 322] Damit reduziert der Online-Marktplatz nicht nur die Distanz der MarktteilnehmerInnen, sondern macht auch deutlich, welche lebensförderlichen Tätigkeiten vor Ort gebraucht werden und wer diese bereitstellen kann. So werden durch das Modell von SonnenZeit – Wirtschaft für ein gutes Leben regionale Selbstversorgungsmöglichkeiten aufgedeckt und ein Prozess angestoßen, bei dem das Verhältnis zwischen Eigenerzeugung und Fremdbezug neu organisiert wird.

Multifunktionalität – Diversität und Modularität

Dem Prinzip der Multifunktionalität wird entsprochen durch die Einbindung und Förderung regionaler Betriebe, die ein vielfältiges, regionales Güter- und Dienstleistungsangebot liefern, und durch den modularen Aufbau eines Versorgungsnetzes, das die Versorgung mit Lebensnotwendigem sicherstellt. Der Online-Marktplatz wirkt zudem unterstützend, indem Bedarfe und verschiedene Tätigkeitsfelder in der Region transparent gemacht und eigenverantwortlich von den Mitgliedern koordiniert werden. Das VerbraucherInnen-ErzeugerInnen-Netzwerk sowie die darauf aufbauende Komplementärwährung reduzieren das anonyme Nebeneinander und unterstützen die Region in ihrer Selbstverantwortlichkeit und Selbstbestimmtheit.

Straffe Feedbackschleifen und Suffizienz – Schaffung von Transparenz und Entwicklung regionaler Nähe

SonnenZeit – Wirtschaft für ein gutes Leben stellt ein neues regionales Wirtschaftsmodell dar und ist damit nicht sofort an die alltäglichen Erfahrungen der Mitglieder anschlussfähig. Aus diesem Grund sind gerade die Austauschrunden, die durch die Regionalverantwortlichen organisiert werden, notwendig, um kurze Feedbackschleifen zu erreichen und einen Bewusstseinswandel voranzutreiben. Bei den Austauschrunden werden Reflexionsprozesse angestoßen durch Fragen wie: Was würde sich in deinem Leben ändern, wenn du ein Grundeinkommen zur Verfügung hättest? Was würdest du von Herzen gerne tun? Dadurch wird ein Reflexionsprozess in Gang gesetzt, der ein besseres und tiefergreifendes Verständnis bezüglich der Einflussnahme auf die eigenen Lebensverhältnisse ermöglicht. Des Weiteren soll der Blick auf die Beziehung zum eigenen regionalen Umfeld geschärft werden, was ein gesamtheitliches Verständnis von Wirkungszusammenhängen bewirkt. Zusätzlich können eigene reale Erfahrungen gesammelt werden, beispielsweise wie es ist, ein ausgabenbezogenes Grundeinkommen zu erhalten. Denn ab dem Zeitpunkt, ab dem ein/e TeilnehmerIn ein Grundeinkommen erhält, stellt Geld für die Befriedigung wesentlicher – regional deckbarer – Bedürfnisse keinen wirklichen Mangel mehr dar. Das setzt natürlich voraus, dass ausreichend lebensnotwendige Güter und Dienstleistungen auf dem Markt gehandelt werden. So können regional produzierte Waren und Dienstleistungen in einer Region zirkulieren und die Grundbedürfnisse der Menschen in der Region decken. Die AnbieterInnen erhalten im Gegenzug SonnenStunden als Leistungsbestätigung und Dank. Damit dreht sich das Verständnis von Geld, von einem Schuldgeld zu einer Leistungsbestätigungs- und Dankeswährung und fördert insgesamt auch die Beziehungen zwischen den Beteiligten. Großzügigkeit und wechselseitige Toleranz können hier ohne individuelle Nutzeneinbuße gelebt werden.
Der Nachhaltigkeitskompass ermöglicht auf der Unternehmensseite, ein Bewusstsein zu schaffen, welches die Lebensqualität von Menschen fördert. Die KonsumentInnen auf der anderen Seite können sich an der Nachhaltigkeitskennzeichnung orientieren. Der Nachhaltigkeitsausgleich sorgt dafür, dass nachhaltige Produkte günstiger und dadurch auch interessanter für die KonsumentInnen werden. An dieser Stelle kann unterstellt werden, dass sich so kein Bewusstseinswandel bei den KonsumentInnen vollzieht. Da allerdings eine direkte Betroffenheit bezüglich der Auswirkungen ihrer Handlungen spürbar ist, eine geringere Distanz zum Anbieter vorliegt, die KonsumentInnen sämtliche Bewertungen der unternehmerischen Tätigkeiten einsehen können und ein kontinuierlicher Austausch der MarktteilnehmerInnen stattfindet, ist davon auszugehen, dass sich im Laufe der Zeit auch Auswirkungen auf den Lebensstil ergeben. Hinzu kommt, dass jedes Mitglied aufgefordert ist, sich aktiv am Online-Marktplatz miteinzubringen,  indem Leistungen bezogen oder selbst angeboten werden. Der Marktplatz soll eigenständig durch die Mitglieder koordiniert werden. Das fördert insbesondere die Eigenverantwortlichkeit der Mitglieder für das unmittelbare Lebensumfeld.
Einbindung der lokalen Gemeinschaft stärkt das Regionalbewusstsein und erhöht das soziale Kapital
SonnenZeit – Wirtschaft für ein gutes Leben versucht die Anonymität der lokalen Gemeinschaft aufzuheben, indem sie eine Plattform zur Verfügung stellt, die es ermöglicht, dass sich ähnlich Gesinnte kennenlernen und sich kontinuierlich über ihre Bedarfe und Angebote austauschen können. Zusammen wird ein schrittweiser Lernprozess durchlaufen, der jede/n Einzelne/n dazu befähigen soll, sich zukunftsfähig im Umgang mit sich selbst, den Mitmenschen und der Natur zu verhalten. Da Mitglieder nicht nur Waren und Dienstleistungen konsumieren, sondern auch selbst anbieten können, wandelt sich das Mitglied vom abhängigen Konsumenten zum verantwortungsbewussten Prosumenten.[2]
Die regelmäßigen Austauschrunden und die gemeinsamen Diskussionen über die Frage, wie die eigene Lebensqualität gesteigert werden kann, schaffen ein unterstützendes Miteinander. So werden neben materiellen Dingen auch immaterielle Ressourcen, wie solidarisches Verhalten, Vertrauen und wechselseitig bindende Normen, über das Beziehungsnetzwerk transportiert. Auch schärft der regelmäßige Austausch das Bewusstsein für ökologische und soziale Gegebenheiten im eigenen Umfeld und stärkt ein geteiltes Regionalbewusstsein.

Demokratische Beteiligung unterstützt das Selbstaktivwerden und die Bildung solidarischer Gemeinschaften

Das Einbinden der regionalen Akteure, die als Mitgestalter des eigenen Lebensumfeldes betrachtet werden, unterstützt, dass sich jedes teilnehmende Mitglied als ein wichtiger Teil versteht. Die regelmäßigen Austauschrunden fördern einen kritischen und reflexiven Austausch mit anderen TeilnehmerInnen und ermöglichen einen gemeinsamen Verständigungsprozess bezüglich zukünftiger Zielvorstellungen, wie beispielsweise die Erhöhung der jeweiligen Lebensqualität. Gleichzeitig werden unterschiedliche Lebenslagen der jeweiligen TeilnehmerInnen sichtbar, was ein gegenseitiges Verständnis und Vertrauen aufbaut und die Bildung einer solidarischen Gemeinschaft ermöglicht. Auch begünstigen regelmäßige Austauschrunden demokratische Prozesse.

Erfolgsfaktoren

Wie die zuvor erstellte Analyse zeigt, kann SonnenZeit – Wirtschaft für ein gutes Leben viele positive Wirkungen erzielen. Charles Eisenstein sieht ein Grundproblem unserer Zeit: „In unserer atomisierten Gesellschaft sind die traditionellen Kanäle zusammengebrochen, über die man erfahren kann, wer was anzubieten hat, und kommerzielle Wege, diese Information zu verbreiten (beispielsweise Werbung), sind nur über Geld zugänglich.“[13 : 323] Zeitbanken bzw. Komplementärwährungen, wie die SonnenZeit, können diese „traditionellen Kanäle“ wieder aufbauen und einzelne Menschen innerhalb einer Region direkt miteinander verbinden.
Das ist ein entscheidender Erfolgsfaktor von SonnenZeit – Wirtschaft für ein gutes Leben. Dieses Wirtschaftsmodell geht über die unmittelbaren Bedürfnisbefriedigungen hinaus und verhilft dazu, dass sich wieder ein Gemeinschaftssinn entwickelt. Das ermöglicht eine wirtschaftliche und gesellschaftliche Resilienz, „[…] die das Leben auch in schwierigen Zeiten trägt.“[13 : 323]

Möglichkeiten der Unterstützung durch die öffentliche Hand

Die größte Herausforderung liegt darin, dass sich die Einführung einer regionalen Währung nur schwer durchsetzen lässt, wenn sie in eine globale Warenwirtschaft eingebettet wird. „Damit eine Region, eine Stadt, ein Land eine robuste eigene Währung haben kann, müssen sie auch eine eigenständige, robuste Wirtschaft haben“[13 : 314]. Vor allem funktionieren Zeitbanken bzw. Komplementärwährungen nur dann, „wenn es regionale Wirtschaftskreisläufe gibt, für die sie als Tauschmittel dienen.“[13 : 314] SonnenZeit – Wirtschaft für ein gutes Leben baut zwar auf regionalen VerbraucherInnen-ErzeugerInnen-Netzwerken auf, allerdings ist ihr Wirkungsgrad noch gering und es sind noch mehr Unternehmen notwendig, die ihre Waren und Dienstleistungen dort anbieten und regionale Kreisläufe schließen können. Es dauert sicherlich noch eine Weile, bis sich geeignete Infrastrukturen und regionale Produktionen neu ausgerichtet haben.
Da ein entsprechendes Produkt- und Dienstleistungs-Angebot für das Funktionieren dieses und ähnlicher Modelle von entscheidender Bedeutung ist, ist eine Unterstützung der öffentlichen Hand beim Aufbau eines Unternehmensnetzwerkes hilfreich. Ähnlich wie in Sardinien könnte über eine Komplementärwährung (dort: Sardex), ein Unternehmensnetzwerk aufgebaut werden, in welchem Unternehmen neben dem Euro auch eine zweite wertstabile Komplementärwährung akzeptieren.[15] Dadurch kann der Europreis von Produkten und Dienstleistungen auf ein Niveau gesetzt werden, welches das wirtschaftliche Überleben, die regionale Vernetzung und die weitere Entwicklung regionaler Unternehmen sichert. In Sardinien nehmen bereits über 1600 Unternehmen an dieser Form des Austauschs teil. Sardex beschäftigt mittlerweile 60 Angestellte und wurde in weiteren zehn Regionen in Italien implementiert. Italienweit sind über 7000 Unternehmen bereits beteiligt.[14]
Wenn ähnliche Modelle auf Landesebene oder Bezirksebene eingeführt werden, dann können dadurch wesentlich mehr Menschen erreicht und regionale Wirtschaftskreisläufe geschlossen werden. Was es allerdings dringend braucht, sind unterstützende politische Rahmenbedingungen, die eine solche Währung wie SonnenZeit stabilisieren und vor dem Druck der globalen Warenwirtschaft schützen. Hilfreich dazu wären unter anderem:

Quellenverzeichnis


[1] SonnenZeit- Wirtschaft für ein gutes Leben: http://www.sonnenzeit.jetzt/worum-geht%C2%B4s/, zuletzt besucht am 01.11.2016
[2] Sein (09.10.2014): https://www.sein.de/sonnenzeit-ein-lebensfoerderliches-wirtschaftssystem,
zuletzt besucht am 14. 12 2016
[3] Nets.werk – Nachhaltig leben: http://www.netswerk.at/netswerk, zuletzt besucht am 29.12.2016
[4] SonnenZeit- Wirtschaft für ein gutes Leben: http://www.sonnenzeit.jetzt/in-aller-kuerze/, zuletzt besucht am 14.12.2016
[5] SonnenZeit- Wirtschaft für ein gutes Leben: http://www.sonnenzeit.jetzt/einstiegkosten/, zuletzt besucht am 15.12.2016
[6] SonnenZeit- Wirtschaft für ein gutes Leben: http://www.sonnenzeit.jetzt/regionen/, zuletzt besucht am 12.12.2016
[7] SonnenZeit- Wirtschaft für ein gutes Leben: http://www.sonnenzeit.jetzt/grundeinkommen, zuletzt besucht am 15.12.2016
[8] SonnenZeit- Wirtschaft für ein gutes Leben: http://www.sonnenzeit.jetzt/sonnenstundenkonto/, zuletzt besucht am 15.12.2016
[9] SonnenZeit- Spiel des Lebens: http://sonnenzeit.jetzt/wp-content/uploads/2013/06/Spielbeschreibung.pdf, zuletzt besucht am 15.12.2016
[10] SonnenZeit- Spiel des Lebens: http://www.sonnenzeit.jetzt/wp-content/uploads/2014/01/Unternehmer-Handbuch-2014_01.pdf, zuletzt besucht am 30.10.2016
[11] SonnenZeit – Wirtschaft für ein gutes Leben: http://www.sonnenzeit.jetzt/das-schuldgeldsystem/, zuletzt abgerufen am 16.12.2016
[12] SonnenZeit – Wirtschaft für ein gutes Leben: http://www.sonnenzeit.jetzt/preise-bilden-falsche-grundlage-fur-kaufentscheidungen/, zuletzt besucht am 16.12.2016
[13] Eisenstein, C (2013). Ökonomie der Verbundenheit: Wie das Geld die Welt an den Abgrund
führte - und sie dennoch jetzt retten kann. Berlin, München: Scorpio Verlag GmbH & Co. KG
[14] Sauer, U. (2016), auf Süddeutsche.de: http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/kreditnetzwerk-in-italien-unter-uns-1.3134267, zuletzt besucht am 20.12.2016
[15] Pawlata, C. (2013) auf derStandard.at:http://derstandard.at/1381373591951/Auf-Sardinien-rollt-statt-des-Euro-der-Sardex, zuletzt besucht am 20.12.2016
Kategorie: regionale Resilienz
Zugriffe: 5440