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Virgen In der Gemeinde Virgen wurden die Bürger seit den 90er Jahren wiederholt durch Abstimmungen in politische Prozesse eingebunden, wodurch ein großes Bürger-Engagement entstanden ist. Der Gemeinde ist es gelungen, entgegen dem allgemeinen Trend die Nahversorgung zu verbessern (Betriebsansiedlungen und -erhaltung), die Abwanderung zu stoppen, die Direktvermarktung und Verarbeitung der vor Ort produzierten landwirtschaftlichen Erzeugnisse zu fördern, den Selbstversorgungsgrad an Strom und Wärme zu erhöhen, eine kleinteilige Kulturlandschaft zu bewahren sowie das Dorf- und Landschaftsbild zu verschönern. All dies geschah unter Einbeziehung der Bürger, die ehrenamtlich in Arbeitsgruppen Positionen erarbeitet und vorgestellt, Abstimmungen vorbereitet und Projekte aktiv umgesetzt haben.

Ausgangslage, Entwicklung und aktueller Stand

Nicht alles, was die knapp 2200 Einwohner zählende Gemeinde Virgen in Tirol [1] in den letzten Jahren hinsichtlich Bewahrung und Transformation getan hat, betrifft regionale Resilienz im Sinne autarker Selbstversorgung. Aber Virgen ist ein Paradebeispiel dafür, wie einfach Bürger in politische Prozesse eingebunden werden können und welch ungeahntes Engagement dadurch freigesetzt werden kann. Die Gemeinde ist ein Beispiel dafür, was ländliche Regionen gegen Abwanderung, Überalterung, aussterbende Nahversorgung und für eine hohe Lebensqualität und eine funktionierende Gemeinschaft tun können.

Die Entwicklung von Virgen beruht laut Bürgermeister Dietmar Ruggenthaler auf drei Maximen: (1) Verantwortung aktiv wahrnehmen für Natur, Gemeinschaft und Schöpfung; (2) Gemeinsam sind wir stark; (3) Offen sein für Neues.[2] Diese Maximen zeigen, was es braucht, um die Lebensqualität in ländlichen Regionen erhöhen zu können: Die Menschen müssen sich ihrer Verantwortung sowie ihrer Berechtigung zur Mitbestimmung bewusst werden, sie müssen den Mut haben, die gegenwärtigen Verhältnisse zu hinterfragen, Denkstrukturen aufzubrechen und neue Wege zu gehen, und sie müssen dies in der Gemeinschaft tun. Politikverdruss und Lethargie stellen sich ein, wenn Menschen das Gefühl haben, nicht gehört zu werden und ohnehin nichts verändern zu können. Die wichtigste Voraussetzung für gesellschaftliches Engagement ist deshalb, die Menschen einzubinden und ihnen das Gefühl zu vermitteln, dass sie aktiv etwas bewirken und gestalten können.

In Virgen begann alles damit, dass Anfang der Neunziger Jahre in den Nachbargemeinden Grundzusammenlegungen stattfanden und daraufhin einige VirgerInnen ebenfalls forderten, landwirtschaftliche Flächen in den Virger Feldfluren zusammenzulegen.[3] Man konnte zu dieser Zeit in ganz Europa beobachten, dass kleinteilige Kulturlandschaften flurbereinigt und zu größeren Flächen zusammengelegt wurden, die einfacher zu bearbeiten und dadurch ökonomisch effizienter sind. Häufig ging dies jedoch mit einem sichtbaren Verlust an Biodiversität und landschaftlicher Ästhetik einher, beispielweise wenn in Weinbaugebieten viele kleine Terrassen, mit zahlreichen Hecken, Bäumen und Trockenmauern umrandet, abgetragen und zu einer einzigen großen Fläche planiert wurden. Da einige VirgerInnen nicht nur die Positivseite in Form höherer Effizienz, sondern auch die »Gegenbuchung« reflektierten, wurde zunächst einmal eine vollständige Kartierung der Virger Feldfluren durchgeführt, ebenso wie zahlreiche Erhebungen, bspw. zum Mikro- bzw. Kleinklima, zur Artenvielfalt und zur Heckenpflege. Durch einen intensiven begleitenden Prozess der Gemeinde (Studien, Sitzungen und Diskussionen, Schulungen und Förderungen) wurde die Bevölkerung für den Wert der kleinteiligen Virger Feldfluren sensibilisiert. In Anbetracht des Zusammenlegungs-Trends damals und der eindeutigen ökonomischen Effizienzvorteile ist es bemerkenswert, dass sich die bäuerliche Bevölkerung in Folge der Bewusstseinsbildung entgegen dem Trend mit 60% zu 40% für den Erhalt der Feldfluren und gegen eine Grundzusammenlegung entschied. Es ist gelungen, die Anzahl der landwirtschaftlichen Betriebe konstant zu halten und es wurde ein Landschaftspflegemodell entwickelt, über das die Lesesteinriegel (Trockenmauern aus Stein) und Wege saniert, ein Heckenpflegeprogramm gestartet und mit dem Land Tirol ein Vertragsnaturschutz ausgearbeitet wurde.[3]

Positive Effekte im Hinblick auf die Aspekte einer regionalen Resilienz

Aus dem Landschaftspflege- und Naturschutzprojekt heraus hat sich ein langjähriger, umfassender Prozess gebildet, aus dem sich weitere Projekte entwickelten. So wurde ein Bauernladen gegründet, in dem die Bauern aus dem Dorf ihre Produkte aus den Virger Feldfluren verkaufen, was den Selbstversorgungsgrad erhöht und Wertschöpfung in der Gemeinde hält. Es wurde der Virger »Weg der Sinne« gestaltet, ein Blinden-Wanderweg, der neun Stationen zu allen Sinnen, den Virger Feldfluren, zur Polarität von Berg und Tal und zu besonderen Naturschönheiten bietet. Die alte Tradition der Görzer Grafen, die in Virgen früher Käse produzierten, wurde wieder aufgegriffen und eine Hofkäserei gegründet, die neben Käse auch die Schulmilch sowie das Joghurt für das Virger Schulzentrum herstellt. In (einer nicht näher beschriebenen) Kooperation zwischen Landwirten und Gemeinde wurde eine Biogasanlage errichtet, die nicht nur die Virger Bioabfälle verwertet, sondern auch Wärme und Strom liefert. Es wurden ein Maschinenring für die Landwirte sowie ein Verein für Obst-, Gartenbau und Landschaftspflege gegründet. Zudem wurde eine Obstpresseanlage errichtet, mit der die VirgerInnen ihr eigenes Obst verarbeiten können.[2, 3]

Demokratische Beteiligung

Es zeigt sich, dass ein einzelnes Projekt, das maßgeblich durch die Bewusstseinsbildung der Bürger angestoßen wurde, eine Kettenreaktion in Gang setzen und damit letzten Endes Strukturen verändern kann. Die Bürger haben offensichtlich festgestellt, dass sie gemeinsam Transformationsprozesse planen und gestalten können. Wie die Dynamik des Prozesses vermuten lässt, ist eine lokale Gemeinschaft mit einer gemeinsamen positiven Vision entstanden, die ihre endogenen Ressourcen nutzt, um ihre Gemeinde zu entwickeln. Als aus Gesprächen zwischen Gemeinde und den Nahversorgungsbetrieben heraus klar wurde, dass die einzigen beiden Lebensmittelhändler in Virgen Schließungsabsichten hegten, wurde mit intensiver Bewusstseinsbildung und Bürgerbeteiligung das breit angelegte Projekt »Nahversorgung ist Lebensqualität – Fahr nicht fort, kauf im Ort« gestartet.[3] Daraus entwickelten sich zahlreiche Unterstützungen der Gemeinde sowie ein aktives Managen von Betriebsansiedlungen, bei dem 60 VirgerInnen in Arbeitsgruppen zu den Themen Soziales, Gesundheit, Bildung, Wirtschaft, Landwirtschaft und Jugend mitarbeiteten.

Bürgerbefragungen, Veranstaltungen und Exkursionen begleiteten diesen Prozess, dessen direktes Ergebnis die Ansiedlung eines neuen ADEG-Lebensmittelmarkts, einer Post, eines Elektrogeschäfts, einer Bäckerei, einer Trafik, eines Drogeriemarktes und einer Arztpraxis war. Damit wurde die Versorgungssicherheit erhöht. Auch die örtliche Bücherei konnte durch eine Neukonstituierung gerettet werden. Arbeitsmöglichkeiten im Ort wurden auf mehrere Personen aufgeteilt (z.B. Raumpflege in der Schule), geringfügige Beschäftigungsmöglichkeiten neu geschaffen (z.B. für Asylwerber im Bauhof), Virger Landwirte für die Schneeräumung und die Errichtung von Infrastruktur eingesetzt.[3] Auch dies trägt zur Versorgungssouveränität und regionalen Wertschöpfung bei. Diese Vorgänge zeigen, wie aus dem Anstoßen eines Einzel-Projektes mit Bürgerbeteiligung ein strukturierter Prozess entstehen kann. Die Eigendynamik, die durch die Partizipation der Menschen an Gestaltungsprozessen entsteht, ist bemerkenswert. Die demokratische Mitbestimmung und die aktive Mitarbeit der Bürger ist das zentrale Element des Transformationsprozesses, den die Gemeinde Virgen in den letzten Jahren vollzogen hat.
 

Versorgungssicherheit und -souveränität

Mit Beteiligung der Bürger wurde ein Energieteam gegründet und eine umfassende Analyse der Energieversorgung in Virgen durchgeführt. Im Zuge der ersten Erhebungen zeigte sich, dass Virgen eine sehr hohe Dichte von Solaranlagen aufwies. Aufgrund der besonderen Lage Virgens am Südhang wurden die Förderungen für Solarenergie erweitert, weitere gemeindeeigene Solaranlagen errichtet und eine Sonnenstandskartierung wurde als Schulprojekt erarbeitet. Mit Beginn 2009 wurden auch Photovoltaikanlagen von der Gemeinde gefördert – Virgen war die erste Gemeinde in Tirol. Der Verbrauch aller Gemeinde-Gebäude weist Niedrigenergiehaus-Niveau auf und alle werden über die Dorfwärme mit Biomasse beheizt.[3] In (einer ebenfalls nicht näher beschriebenen) Kooperation mit den VirgerInnen wurden eine Hackschnitzelheizung, drei Kleinwasserkraftwerke und ein modernes Abfall-Entsorgungszentrum errichtet.[2, 3] Dies alles trägt zur Versorgungssicherheit und -souveränität bei und begünstigt einen ressourcenleichten Lebensstil.
 

Gemeinsame positive Vision

Um den unzureichenden öffentlichen Nahverkehr zu erweitern, wurde gegen bürokratische Hindernisse eine selbst organisierte Ergänzung zustande gebracht: Freiwillige, ehrenamtliche VirgerInnen fahren im Linien- und Rufbus-Verkehr, die Mobilitätsberaterin in der Gemeinde organisiert und koordiniert die FahrerInnen. Um das Dorf zu verschönern, gründeten sich die »Bischl-Mamm«: VirgerInnen, die ehrenamtlich öffentliche Pflanzen und Blumen pflegen. Die Vereine und Agrargemeinschaften wurden hierbei miteinbezogen, umfassende Informations- und Bewusstseinsbildungsmaßnahmen gesetzt, Zäune, Blumentröge, (Holz-)Dächer und Dachrinnen, Brunnen, Wegkreuze, Schindeln repariert, Fassaden, Vorplätze, Wege, Pflasterungen im gesamten Ort ausgebessert und erneuert.[3] All dies ist Ausdruck dafür, dass endogene Ressourcen genutzt werden, eine gemeinsame Vision und ein geteiltes Regional- bzw. Lokalbewusstsein entstanden ist, das zur Bildung einer aktiven Gemeinschaft geführt hat. Die gemeinsame positive Vision ist die stetige Verbesserung der Lebens- und Versorgungsqualität in der Gemeinde Virgen.

Bezeichnend für die Wirkung von Partizipation und Bewusstseinsbildung sind auch diese beiden Entscheidungen: (1) Die VirgerInnen sprachen sich in einer großen öffentlichen Gemeindeversammlung einstimmig (!) für eine Trinkwasserversorgung durch Quellwasser aus, obwohl diese laut einer vorab durchgeführten Untersuchung um ein Drittel teurer sein würde als eine Versorgung aus Grundwasser – und obwohl sie selbst die Mehrkosten von einer Mio. Euro in drei Anschlussraten als Vorausgebühr zu tragen hatten. (2) Als Ergebnis eines langjährigen partizipativen Prozesses zur Neuerstellung des Raumordnungskonzeptes wurden 2,5 Hektar private und Gemeindegründe von Bauland in Freiland rückgewidmet.[3] Mit einer Umwandlung von Bauland in Freiland sind massive Wertverluste für die Grundstücksbesitzer verbunden, weshalb solch eine Umwandlung in der Regel nicht ohne Enteignungen möglich ist. Die Tatsache, dass in Virgen kein einziger Einspruch erhoben wurde, ist wohl nicht zuletzt auf den vorangegangenen Prozess der partizipativen Bewusstseins- und Meinungsbildung zurückzuführen. Erreicht wurde damit die Erhaltung wichtiger Grünflächen, also so genannter »Commons«, im Ortszentrum.
 

Erfolgsfaktoren

Ohne die Bewusstseinsbildung, die demokratische Mitbestimmung und die aktive Partizipation wäre die Eigendynamik, die der Transformationsprozess in Virgen entwickelt hat, nicht denkbar gewesen. Dies ist der zentrale Erfolgsfaktor in diesem Prozess. Virgen zeigt, wie (relativ) unkompliziert es sein kann, eine Gemeinde resilienter zu gestalten und die Bürger zu aktiven, mündigen, solidarischen Mitgliedern der Gesellschaft zu machen. Durch die beschriebenen Maßnahmen ist es Virgen entgegen dem Trend gelungen, die Nahversorgung nicht nur aufrechtzuerhalten, sondern zu verbessern, die Abwanderung zu stoppen, regionale Produktionskreisläufe zu fördern (Käserei, Obstpresse, etc.), die Strom-, Wärme- und Wasserversorgung autark(er) zu gestalten, eine kleinteilige Kulturlandschaft zu bewahren sowie das Dorf- und Landschaftsbild zu verschönern.

Alles begann mit der Bewusstseinsbildung, die auch das Bewusstsein beinhaltete, dass die Menschen in ihrer Umgebung etwas verändern und gestalten können. Ohne die Bewusstseinsbildung und Partizipation wäre es nicht denkbar gewesen, dass einzelne Bürger freiwillig auf sehr viel Geld verzichten, um es der Gemeinschaft (in Form von Grünflächen) zurückzugeben, und auch sehr viel Geld zahlen, damit die Wasserversorgung möglichst umweltfreundlich und nachhaltig ist. Dass einzelne Personen das Gemeinwohl der Dorfgemeinschaft über ihr persönliches Wohl stellen, ist in Zeiten von Individualisierung, Konkurrenz- und Wettbewerbsdenken nicht selbstverständlich. Es ist wichtig, dass sich die Bürger einer Gemeinde tatsächlich als Gemeinschaft erfahren und eine gemeinsame Identität entwickeln. Nur wenn sich die Bürger überhaupt einer »Gemeinschaft« bewusst sind und sich ihr zugehörig fühlen, werden sie Entscheidungen treffen, die im Sinne des Gemeinwohls sind. Auch wenn es nicht sehr greifbar ist, so ist dennoch der größte Erfolgsfaktor in Virgen das geteilte Lokalbewusstsein im Sinne einer solidarischen Gemeinschaft. Hinzu kommen die demokratische Beteiligung und eine gemeinsame positive Vision.
 

Unterstützungsmöglichkeiten durch die öffentliche Hand

Wie die öffentliche Hand einen ähnlichen Prozess wie den in Virgen unterstützen kann, liegt auf der Hand: Die Bürger müssen aktiv an relevanten Entscheidungen beteiligt werden. Sie müssen das Gefühl haben, ihre Umgebung selbst gestalten zu können. Dies kann unter anderem durch Abstimmungen und die Einrichtung von Arbeitsgruppen geschehen. Vorangehen sollte stets ein Prozess der Bewusstseinsbildung in Form von Informationsveranstaltungen, Exkursionen und öffentlichen Debatten, um die Bürger in die Lage zu versetzen, mündig und informiert Entscheidungen treffen zu können. Es geht darum, mehr Demokratie zu wagen und keine Angst vor den Entscheidungen der Bürger zu haben. Ein geteiltes, inklusives Regionalbewusstsein mit progressiver Verwurzelung sowie eine lokale Gemeinschaft mit gemeinsamer positiver Vision können nur entstehen, wenn Menschen in Entscheidungen, die ihr Umfeld betreffen, einbezogen werden und gemeinsam aktiv mitarbeiten. Die drei Maximen von Virgen (Verantwortung aktiv wahrnehmen / Gemeinsam sind wir stark / Offen sein für Neues) zeigen die Möglichkeiten der Unterstützung durch die öffentliche Hand: Die Verantwortung muss so weit wie möglich der Gemeinschaft übertragen werden, was auch heißt, neue Wege zu gehen, indem Gemeinden ihre Bürger über relevante Fragen abstimmen lassen, anstatt über ihre Köpfe hinweg zu entscheiden.

Quellen

[1] Wikipedia-Eintrag der Gemeinde Virgen, https://de.wikipedia.org/wiki/Virgen

[2] Internetpräsenz der Gemeinde Virgen, http://www.virgen.at

[3] Imagebroschüre von Virgen, Neue Energie für ein starkes Miteinander in Virgen, http://www.virgen.at/gemeinde/auszeichnungen3
Kategorie: regionale Resilienz
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